frau_sia Zürich

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Die Thematik der Kaltluftströmungen in der Fachplanung Hitzeminderung der Stadt Zürich
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Ein neuer Blick auf das Werk Robert Haussmanns
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Projekt Maulwurf

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Zwischen Gartenstadt und Suburbia

Die Wohnsiedlung Zelgli Mattenbach in Winterthur von park Architekten
Werk, Bauen + Wohnen 1+2 / 2010

These und Exempel

Wohnhaus in Tuggen von Meili Peter Architekten
Werk, Bauen + Wohnen 3/2009

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Text in: Wie haben Sie das gemacht? Sechs Gespräche über Architektur, Hrsg Axel Simon, 2009

1:1 METAL WORKS

Eine digital-analoge Baustelle
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Architektin: mit Kind, ohne Arbeit

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Städtebau an der Ecke

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Ökologische Experimentalhäuser aus den 1970er-Jahren

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1:1 WOOD WORKS

Ein experimenteller Massivbau
Eva Geering und Barbara Wiskemann: Konzept, Inhalt, Gestaltung, Herausgegeben von Andrea Deplazes, gta Verlag Zürich, 2005

Terraingewinn

Aspekte zum Schaffen von Schweizer Architektinnen 1928-2003
16 Portraits über Schweizer Architektinnen von Barbara Wiskemann: Bétrix, Boesch, Brügger, Burgdorf, Burkhalter, Gigon, Holzer, Knapkiewicz, Lamunière, Maissen, Ruchat, Staufer, Stücheli, Stürm, Theus, Vehovar

Expomat

1341 Projekte für eine Schweizer Landesausstellung
Konzept, Text, Gestaltung: Roman Keller und Barbara Wiskemann. Beiträge u.a. von Suzanne Zahnd, Rein Wolfs, Daniel de Roulet; Gespräche u.a. mit Martin Heller, Kurt Aeschbacher, Jacqueline Fendt. Edition Patrick Frey 2002
Werk, Bauen + Wohnen 3/2009

These und Exempel

Wohnhaus in Tuggen von Meili Peter Architekten

In Tuggen am oberen Ende des Zürichsees steht das neueste fertig gestellte Wohnhaus des Zürcher Architekturbüros Meili Peter. Es darf auch wegen seines relativ kleinen Umfangs von 16 Wohnungen als Labor für grössere Wohnbauvorhaben gelten.

Die Wohnungen in Tuggen weisen insbesondere Verwandtschaften mit dem Projekt für das Coop-Areal im Entwicklungsgebiet Zürich West auf. Die Ausstellung «Schmetterlinge und Knochen» im Zürcher Architektur Forum, die von Marcel Meili und Markus Peter Ende 2008 eingerichtet wurde, befasste sich mit ihren Wohnungsbauten und -projekten seit Anfang der 1990er-Jahre. Das Beispiel des 2007- 2008 gebauten Tuggener Hauses kann so in einen grösseren Zusammenhang gestellt werden.
Im Text zur Ausstellung schreiben Meili und Peter, wie sich die Veränderung der Soziologie des Wohnens in den letzten fünfzig Jahre auf ihre Entwürfe für Wohnungen ausgewirkt haben: «Viele der Parameter, die als mehr oder weniger feste Grössen den Wohnungsbau der Nachkriegszeit begründet haben, verloren an Verbindlichkeit. ,Wohnen’ ist schwierig voraussagbar geworden. Diese Unsicherheit hat uns interessiert und unsere Arbeit voran getrieben.» Sie benennen vier Kristallisationspunkte der Veränderungen, die ihre Arbeit an Wohnhäusern entscheidend beeinflusst haben: Die abnehmende Zahl der Bewohner pro Wohnfläche, die Ablösung der klassischen Familie als Zielgruppe, die grosse Bandbreite sowohl der Arbeits- und Lebensrhythmen als auch der ästhetischen und räumlichen Vorlieben der Bewohnerinnen und Bewohner sowie der ökonomische und ökologische Druck, der Gebäude mit immer grösserer Tiefe erfordere und neue Herausforderungen an die Organisation der Grundrisse stelle.

Der Grundstückszuschnitt in L-Form, dessen einer Schenkel zu schmal für eine Bebauung war, erzwang auch in Tuggen ein tiefes Gebäudevolumen. Und da alle Wohnungen Anteil an der kürzeren Südfassade haben sollen, sind sie quer durch den Baukörper gespannt und weisen mehrere Fassadenanstösse auf. Bei den ebenfalls sehr tiefen Grundrissen des Coop-Areals gewinnen Meili Peter im Haus C durch grosse Spannweiten und dicke Geschossdecken statische Freiheiten, welche die Möglichkeit der Grundrissvarianten ins Unendliche steigern: Geplant sind 110 verschiedene Wohnungen in einem Gebäude – ob sie auch alle wie vorgesehen realisiert werden können, ist allerdings noch offen. Im Anklang daran wandten Meili Peter in Tuggen eine «halbkonventionelle Kartenhaustatik» (Wortlaut im Ausstellungstext) an, die über eine teilweise Überkreuzung von Wänden funktioniert und so Grundrissvarianten jenseits von starren Stapelungen ermöglicht. Von den 16 Wohnungen kommt ein Typus dreimal und einer zweimal vor; die anderen elf Wohnungen existieren in ihrer spezifischen Ausprägung jeweils nur einmal. Wie die Architekten in ihrem Text zur Ausstellung schreiben, geht es ihnen beim Projekt auf dem Coop-Areal auch darum, neu zu definieren, was es bedeutet, in einem sehr grossen Haus zu wohnen: «Die Vielfalt der Wohnungen […] behandelt Grösse letztlich nicht mehr als Faktor der Serialität, sondern wie die Gliederung eines riesigen Organismus. Wenn Wohnungen verschieden, nicht repetitiv sind, so wird deshalb diese individuelle Qualität nicht durch die Tatsache geschmälert, dass jeder nur in einer Wohnung wohnt. Die Vielfalt ist eine Eigenschaft, die von allen wahrgenommen wird.» Das Haus als Organismus zu sehen, gerade wenn es wie die künftigen Bauten im Coop-Areal mehrere Hundert Menschen aufnehmen kann, kehrt die Verhältnisse gegenüber dem Corbusianischen Begriff der Wohnmaschine aktiv um. Denn im grossmassstäblichen Siedlungsbau, sei er aus der Moderne oder jüngsten Datums (etwa in Zürich Nord), erkennt ein Mensch seine eigene kleine Wohneinheit eventuell nur am gestreiften Sonnenschirm oder dem Türvorleger mit Herz. Das verständliche Unwohlsein der Entwerfer gegenüber diesem Umstand verifiziert jedoch nicht zwingend die These, dass das Individuum die Vielfalt wahrnehme – und die Auflösung wird leider auch von Meili Peter nicht geboten. Denn je grösser das Haus ist, desto schwieriger wird es wiederum, diese Vielfältigkeit auch lesbar zu machen. In Tuggen erlauben es die überschaubaren Verhältnisse jedoch noch.

Stadtwohnen auf dem Land

Während sich die bisher ausgeführten Wohnungsbauten von Meili Peter in den Blockrandquartieren von Zürich befinden und explizit für ein städtisches Publikum geplant sind, steht das Haus in Tuggen im ländlichen Kontext. Eine so klare Nische für urbanen Lebensstil ist in der kleinen Gemeinde mit 2700 Einwohnern wohl kaum realistisch, und so wird die Bewohnerschaft der Mietwohnungen etwas gemischter ausfallen. «Die kleine Wohnanlage liegt in einer schönen Landschaft, aber in hässlicher Nachbarschaft. Deshalb haben wir auf der seltsamen Form des Grundstückes die Aussicht selber gebaut: das künstliche Grün einer riesigen Baumvase auf der Terrasse als Vordergrund vor einem wilden Garten, der sich in der Tiefe verliert», heisst es in der Meili Peter-Ausstellung zum Tuggener Haus. Die Umgebung des Hauses ist durch eine lockere, disperse Bebauung geprägt, mit Strassen als Anhaltslinien. Die Gebäude reagieren meist ohne äussere Zwänge und Zugeständnisse auf die eigenen Bedürfnisse. Aus dem schwierigen Grundstück ziehen Meili Peter jedoch einen Vorteil und bauen zuerst einen zweiteiligen Garten, um das Haus in den öden Rasenflächen der Umgebung zu verorten: mit einer kontrollierten und einer wuchernden Hälfte. Um gepflästerten Platz über der Tiefgarage entsteht ein Gebäude-L mit Ausrichtung nach Süd-West. Zur Aussicht, dem Garten und der Sonne werden den Wohnungen auf der ganzen Länge Loggien vorgeschaltet. Mehrere Schichten wie das Geländer, dünne Stützen, Storen, Paneele und Fenster bauen eine räumliche Fassade auf, deren Wirkung durch die unterschiedlichen Loggientiefen verstärkt wird. Bei der Strassenseite kommt zwar das zerklüftete Volumen besser zur Geltung, die Fassade ist im Vergleich zur Gartenseite aber sehr nüchtern und flach: Grosse Fenster und Schiebeläden zeichnen sich auf dunkelgrauem Putz ab, ein asphaltierter Parkplatz bildet den Vorraum zu den Hauseingängen. Vielleicht ist das die adäquate Reaktion in der Agglomeration: eine opulente private Gartenseite, während das Gesicht zur Strasse, dem öffentlichen Raum wenig Preis gibt. Vielleicht ist es Resignation (die «hässliche Umgebung» des Ausstellungstexts), vielleicht existiert die Öffentlichkeit in der Agglomeration nicht mehr auf Strassenebene, da sich die meisten Leute abgesehen von (wenigen) Kindern in Autos bewegen. Jedenfalls ist das eine ernüchternde Seite des Projekts.

Bunte Wildnis, ganz privat

Der zweigeteilte Garten ist dafür die schöne Vorderseite der Medaille, und, wie sich die beiden Architekten im 2008 erschienenen Buch zu ihrem Werk ausdrücken, wohl für dieses Projekt die «Erfindung der Aufgabe», das Moment, das dem Entwurf Gestalt gibt. Die mit Melser Stein befestigte Terrasse als Vorraum zu den Erdgeschosswohnungen mit einem edlen, übergrossen Pflanzgefäss aus geschliffenem Beton und einen halben Meter tiefer das wilde, labyrintische Hinterland auf gleichem Niveau wie die Nachbarsrasen zeugen von einer Sorgfalt und einem Einfallsreichtum in der Umgebungsgestaltung, die im Wohnungsbau selten ist. Im besten Fall könnte sie innerhalb der Hausgemeinschaft eine Öffentlichkeit herstellen. Auch bleibt zu hoffen, dass sich die Nachbarn ebenfalls über diesen schönen Vordergrund freuen und der parkartige Aussenraum im Inneren des Gevierts visuell etwas Verbindendes schafft. Der Garten, der für das Projekt hinsichtlich Volumetrie und Verortung im Kontext sehr wichtig ist, scheint mit seinem Reichtum und seiner Farbigkeit jedenfalls auf das Haus abzufärben, das auf der Gartenseite im Gegensatz zur Eingangsseite bemerkenswert bunt ist.
Über den kargen Parkplatz erreicht man durch die beiden Hauseingänge – der östliche führt über eine Betonrampe, der westliche wird über die Terrasse aus Melser Stein erschlossen – die Treppenhäuser mit ihrer räumlichen und farblichen Reichhaltigkeit. Im geschwungenen Treppenauge hängen über die ganze Höhe zylinderförmige Leuchten, die als Gegensatz zur Horizontalität der Geschosswohnungen die Senkrechte betonen und in den glänzend dunkelrot lackierten Untersichten reflektiert werden. In der Tiefe des Volumens wird die dunkle Mitte des Hauses mit architektonischen Mitteln effektvoll so inszeniert, dass in der Vertikalen eine Art Extraraum entsteht. Und weil das Haus nur dreigeschossig ist, finden im Treppenhaus eventuell auch Begegnungen statt. «Die Tiefen […] erzwangen zudem eine weitere Abkehr von der Moderne: Dunklere Zonen in der Wohnungsmitte sind gar nicht erst vermeidbar und werfen neue Fragen auf: Was heisst es, diese Zonen nicht nur zu erdulden, sondern ihnen in der Wohnung eine neue Bedeutung zu geben?» (Text Ausstellung) Auch wenn wir uns in diesem Moment erst im Treppenhaus befinden, wird die beschriebene Tiefe spürbar und die Dunkelheit lustvoll thematisiert.

Alles offen


Vom Treppenhaus aus ertastet man sich die Wohnungen, die fast immer in der Mitte der Hauptspannrichtung, auf dem Weg zwischen zentralem Wohnraum und Bädern sowie Zimmern betreten werden. Die Ausnahme machen zwei Maisonettewohnungen, die am westlichen Ende des Winkels die Bewältigung des Volumens ermöglichen und jeweils über eine laut den Architekten «hotelähnliche Einheit» verfügen, die über die Treppe erreichbar ist. In den Wohnungen entwickeln Meili Peter die seit den 1990er-Jahren verfolgten Grundrissthemen weiter: Der zentrale Wohnraum wird eher als Platz denn als Zimmer verstanden, um den herum im idealen Fall weitere Räume angelagert werden, die klare Zuordnungen vermeiden. Diese gelten als stille oder offene Zimmer, die entweder durch konventionelle Türen geschlossen werden oder mittels breiten Schiebeflügeln als Raumerweiterung des Wohnbereichs dienen können. So wird ein Raumkontinuum ermöglicht, dessen Grenzen über die des konventionellen Wohnzimmers hinausgehen. Der Platz oder die Wohndiele mit Küche teilt sich in Tuggen in jeder Wohnung anders, aber immer in mindestens zwei Arme auf, zwischen die eine Loggia geschoben ist. In den Hauptwohnräumen entstehen so über die Loggia immer Verbindungen der Innenräume, die von den schönen Aussichten in den Garten und die Glarner Alpen profitieren. Spannend ist der Umgang mit den oft langen Zwischenzonen, die meist gebrochene oder verzogene Geometrien aufweisen. Dadurch verändern sie sich laufend beim Durchqueren der Wohnung, und gerade bei den zwei Wohnungen im Winkel des L sind die Zimmer jeweils in zwei verschiedene Richtungen angeordnet. Zudem sind zwischen Bädern und Bewegungsräumen (Korridor oder Gang greift da als Beschreibung zu kurz) teilweise Verglasungen angebracht, die ebenfalls Abgrenzungen zwischen den Raumeinheiten verwischen. Studiert man die Grundrisse, fällt auf, dass sie sich quasi aus offenen oder negativen Ecken konstituieren und immer von Bewegung und reichhaltigen räumlichen und visuellen Beziehungen leben. Eine Einsicht drängt sich auf dabei: Das Individuum kann sich hier ausbreiten. Die Wohnungen bieten grossen räumlichen Reichtum, der für eine bis drei Personen am besten funktioniert; für mehr Leute wird sie meist zu durchlässig.