frau_sia Zürich

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Ein neuer Blick auf das Werk Robert Haussmanns
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Projekt Maulwurf

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Zwischen Gartenstadt und Suburbia

Die Wohnsiedlung Zelgli Mattenbach in Winterthur von park Architekten
Werk, Bauen + Wohnen 1+2 / 2010

These und Exempel

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1:1 METAL WORKS

Eine digital-analoge Baustelle
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Architektin: mit Kind, ohne Arbeit

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Ökologische Experimentalhäuser aus den 1970er-Jahren

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1:1 WOOD WORKS

Ein experimenteller Massivbau
Eva Geering und Barbara Wiskemann: Konzept, Inhalt, Gestaltung, Herausgegeben von Andrea Deplazes, gta Verlag Zürich, 2005

Terraingewinn

Aspekte zum Schaffen von Schweizer Architektinnen 1928-2003
16 Portraits über Schweizer Architektinnen von Barbara Wiskemann: Bétrix, Boesch, Brügger, Burgdorf, Burkhalter, Gigon, Holzer, Knapkiewicz, Lamunière, Maissen, Ruchat, Staufer, Stücheli, Stürm, Theus, Vehovar

Expomat

1341 Projekte für eine Schweizer Landesausstellung
Konzept, Text, Gestaltung: Roman Keller und Barbara Wiskemann. Beiträge u.a. von Suzanne Zahnd, Rein Wolfs, Daniel de Roulet; Gespräche u.a. mit Martin Heller, Kurt Aeschbacher, Jacqueline Fendt. Edition Patrick Frey 2002
Werk, Bauen + Wohnen 1+2 / 2010

Zwischen Gartenstadt und Suburbia

Die Wohnsiedlung Zelgli Mattenbach in Winterthur von park Architekten

Die Wohnsiedlung Zelgli verbindet die Strukturen einer Gartenstadt aus den Vorkriegsjahren mit den Vorgaben zeitgenössischer Dichte im Wohnbau. Dies gelingt ihr dank einer vielfältigen Mischung an Wohnungstypen und Wohnformen.

In Winterthur hat die Siedlungsform der Gartenstadt eine lange Tradition. In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte Stadtbaumeister Albert Bodmer versucht, die Gartenstadtidee im ersten Zonenplan von Winterthur zu implementieren. Nachdem sie Anfang sechziger Jahre mit den modernistischen Städtebaukonzepten aus dem Zonenplan verschwand, besann man sich in den achtziger Jahren auf die speziellen Qualitäten der durchgrünten Winterthurer Quartiere und revidierte den Zonenplan; dafür wurde der Stadt 1999 der Wakkerpreis verliehen. Die neue Überbauung auf dem Areal Zelgli weist Strukturen einer Gartenstadt auf, ist jedoch verglichen mit den Vorgängersiedlungen um einiges dichter bebaut. Um diese Dichte – etwa gleich hoch wie bei der Siedlung Halen in Bern – zu erreichen, waren Kombinationen unterschiedlicher Haustypen notwendig. Zu Reihenhäusern und dem gereihten Einfamilienhaus kommen am Ende jeder zweiten Zeile viergeschossige Eckbauten mit jeweils acht Wohnungen, die entscheidend zur Verdichtung beitragen, sowie der von den Architekten «Langhaus» genannte Haustyp, der über der Erdgeschosswohnung eine Maisonettewohnung stapelt. Um den durchgrünten Charakter einer Gartenstadt zu erhalten, waren spezifische Strategien nötig, die über planerische und architektonische bis zu landschaftsgestalterischen und künstlerischen Massnahmen reichen.

Differenzierte Aussenräume

Bei der «Back-to-Back»-Situation – angewendet beispielsweise bei den Bernoulli-Häusern in Zürich – werden Reihenhauszeilen abwechslungsweise gespiegelt. Dies erlaubt die Zusammenlegung des Zugangshofes und eine luftigere Situation auf der Gartenseite, da sich die Grünstreifen verdoppeln. Zudem wird der Verkehr auf den Zugangshof beschränkt. Im Unterschied zu hintereinander angeordneten Reihenhauszeilen, bei denen die Privatheit, aber auch die Beengtheit grösser sind, wird durch die gemeinsamen Zugangshöfe und die vis-à-vis gelegenen Wohnbereiche das Zusammenleben thematisiert, im besten Fall der Mehrwert des Zusammenlebens. Die Siedlung Zelgli funktioniert typologisch ebenfalls als Back-to-Back-Anlage mit jeweils einem befestigten Zugangshof und einem grünen «Hinterhof» – dem Backyard eben, auf den sich die Wohnräume öffnen. In den grünen, leicht konkaven Freiräumen beschränkt sich der private Aussenbereich, egal ob es sich um eine Geschosswohnung oder um ein Reihen- oder Einfamilienhaus handelt, auf einen in der Umgebungsgestaltung klar bezeichneten Sitzplatz und ein einheitlich bepflanztes Beet, welches als Abstandhalter funktioniert. Der Pflanzblätz zur Aufbesserung der Selbstversorgung, Darstellungsort der Tüchtigkeit der Bewohner und Abgrenzung in einem, fällt ganz weg. Daraus ergeben sich einfache, durchgängige Zwischenräume, die massgeblich dazu beitragen, der Siedlung Kontur und Atem zu verleihen. In den engeren Situationen laufen sie jedoch Gefahr, eher Abstandhalter als Lebensraum zu sein.
Zur verkehrsfreien Zugangsgasse finden sich private Aussenräume, die als Zwischenzonen vor den Wohnungen funktionieren und die Gasse beleben. Über drei Stufen, die den Übergang zum Privaten anzeigen, erfolgt der Zugang bei den Reihenhäusern über den Zwischenraum zum nächsten Haus, der auch als Sitzplatz benutzt wird. Beim Einfamilienhaus wird die Grenze über eine Brüstungsmauer gezogen, hinter der sich ein durch einen Vorsprung des Obergeschosses erzeugter Vorraum befindet. Die Langhäuser besitzen im Parterre zwei Tritte tiefer gelegen eingezogene Loggien auf den Zugangshof. Diese unterschiedlich gestalteten Einschnitte prägen bei den verschiedenen Haustypen die Zugangsseite, rhythmisieren so die Zeilen und spielen die Verschiedenheit der Typen herunter, obwohl sich die Gebäude eigentlich durch Geschossigkeit und Volumetrie stark unterscheiden. Anderseits wurden die Baukörper der Reihen- und Einfamilienhäuser – in ihrer Natur als einzelne Einheiten immer erkennbar – auf Erdgeschossebene durch Hofmauern verschliffen. Die farbige Fassadengestaltung, von den Architekten zusammen mit dem Künstler Karim Noureldin entwickelt, unterläuft ebenfalls die Volumetrie der Zeilen und schafft ein übergeordnetes Muster aus Farben und Kornstärken im Verputz. Die Gartenseiten der Zeilen sind in leuchtenden Blautönen bemalt, welche die grüne Umgebung in ihrer Farbwirkung zu verstärken scheinen. Die Zugangsseiten sind in verschiedenen Grautönen gehalten, die mit der Asphaltierung des Hofes eine optische Verbindung eingehen und so den leicht konvexen Raum der Gasse nochmals betonen. Die oberen beiden Geschosse der Mehrfamilienhäuser ragen über die Reihenhäuser hinaus und sind auch auf den Zugangsseiten blau bemalt, was den Effekt hat, dass sich die Bebauung von Weitem gesehen als amorphes blaues Gebilde präsentiert.

Pergolas im Do-it-Yourself-Stil

Der zweite künstlerische Eingriff entwickelt sein Thema aus dem Alltag der grossen Nähe in der Siedlung. Erik Steinbrecher hat mit „Bier und Bohnen“ eine Art Pergola entworfen. Wie überdimensionierte, zusammenklappbare Wäscheständer stehen sie auf Dachterrassen, überdachten Vorplätze oder auf den Loggien. Aus verzinkten Stahlrohren zu abgerundeten Rechtecken geschweisst und mit Maschendraht bespannt, erinnern sie an die sprichwörtliche Heimwerker-Mentalität der Eigenheimbesitzer, die sich samstags im Baumarkt zu neuen Installationen inspirieren lassen und dabei eine oft unfreiwillige Komik entwickeln. Das Unperfekte dieser Do-It-Yourself-Machwerke kontrastiert dabei nicht selten mit unserer bis ins letzte Detail geplanten Umgebung. Auf dem Dach lädt die an den Wäscheständer «Stewi» (STEiner WInterthur), erinnernde Pergola zum mediterranen Sonnenbad im Mattenbachquartier – dabei sieht man im Geiste dort die Unterhosen der Nachbarsfamilie flattern… Bohnen oder besser Schoten hängen an den dazu gepflanzten Glyzinien, in deren Schatten ein kühles Bier getrunken wird. Dazu scheinen auch die guten alten Teppichklopfstangen aus verzinktem Stahlrohr Pate zu stehen; ebenso wie die Abschrankungen der Tennisplätze und des Eisfeldes aus Maschendraht, die vorher das Areal prägten. Park Architekten orientieren sich wiederum an der Pergola bei der Detaillierung der zahlreichen Geländer, Überdachungen und Gartentore. Und so klappen und verstreben sich beim Mehrfamilienhaus die Balkonbrüstungen über drei Geschosse, über den Veloständer falten sich die Überdachungen und aus den Vorhöfen der Reihenhäuser kippt noch der vorderste Teil einer scheinbar prekären Loggiagestänges.

Auf der Ebene der Detaillierung und Materialisierung ist die ganze Anlage extrem simpel gehalten, was bisweilen fast ins Trotzig-Rotzige geht. Die verputzte Aussenisolation wird sockellos bis zum Terrain geführt, die Fenster sind übergangslos eingeschnitten, alle Abschlüsse von Standart-Blechdetails geprägt. Die starken Farben wurden auf lange Bewitterung geprüft, der Terrainanschluss ist laut den Herstellern auch genügend widerstandsfähig. Hoffentlich bewahrheitet sich dies – Zweifel befallen einen beim Konzept der verputzten Aussenisolation ja generell. In diesem Fall ist die Wirkung der Farben und des Verputzes aber sehr zentral für die Erscheinung der ganzen Anlage. Die quasi detailfreien Fassaden in Kombination mit der Gebäudevolumetrie und den Farben evozieren ein fast mediterranes Bild, das gerade mit dieser Einfachheit des Ausdrucks zusammenhängt (und den allgegenwärtigen Wäscheständern). Die Treppenhäuser der Mehrfamilienhäuser sind unverputzt, die Treppenläufe vorfabriziert, aber komplett silbern gestrichen. Das Innere der Wohnungen und Häuser (alles Eigentumswohnungen) ist im Grundausbau ebenfalls sehr einfach; die Materialien wurden teilweise von den Käufern bestimmt.

Mix von Wohnungstypen und Lebenswelten

Die so eingesparten Ressourcen konnten auf der Ebene der Wohnungstypen und zu Gunsten einer räumlichen Vielfalt frei gemacht werden. Maisonetten, Einfamilien- und Reihenhäuser profitieren von bereichernden Massnahmen im Schnitt, und die Baukörper sind relativ komplex strukturiert. Jede Wohnung wird über eine Diele betreten, die in einen grossen Tagesbereich mit angegliederter Küche mündet. Kochen, Essen und Wohnen sind als verschiedene Raumfolgen gestaltet, die sich jeweils über ihre unterschiedliche Raumhöhe, den Bezug zu den Loggien oder die Befensterung in gut nutzbare Bereiche gliedern. Die Essplätze der Maisonetten beispielsweise sind zweigeschossig und werden von oben belichtet, da der Wohnraum sonst keine Öffnungen nach Westen besitzt. Die Sofaecke steht dann im tieferen Bereich direkt an der südostorientierten Fassade und der Loggia. Die Wohnbereiche der Einfamilien- und Reihenhäuser haben räumliche Vorbilder etwa in den Landhäusern Hans Scharouns, die jeweils mit subtilen Niveausprüngen und unterschiedlichen Bezügen zum Garten Raumkonfigurationen erzeugen. So ist der Wohnbereich des Einfamilienhauses etwas tiefer gelegt als das Gartenniveau, während der Essbereich drei Stufen höher auf den asphaltierten Innenhof hinausgeht, der einen Tritt höher liegt als der Garten. Im Reihenhaus liegt umgekehrt der Wohnbereich einen halben Meter über dem Garten, während der Essbereich eine grössere Raumhöhe aufweist. Diese verweist auch auf ein spezielles Zimmer im Untergeschoss, das über ein bis in den Keller reichendes Atrium belichtet ist. Die konkave Form der Freiräume erlaubt Ausblicke nicht nur auf das Gegenüber, sondern in die Tiefe der Gartenseite. Bei den Reihen- und Einfamilienhäusern wird der Effekt des teilweise überhöhten Erdgeschoss noch dadurch verstärkt, dass das Obergeschoss mit dem Schlafbereich eine relativ geringe Raumhöhe aufweist.
Durch die Mischung der Typen entsteht ein komplexes Geflecht, das verschiedenen Lebenssituationen angepasste Angebote schafft. Offensichtlich wird dies in der stadtauswärts gelegenen Zeile, in der verschiedene, in Laubsägetechnik hergestellte Tiermotive die Ankunft von Joran, Till und Emma ankünden, alle im Jahr 2009 geboren. Den jungen Familien ist das erdverbundene Wohnen – ein für Reihenhäuser herausragendes Charakteristikum – offensichtlich sehr wichtig. Die Geschosswohnungen sprechen dagegen ein eher kinderloses Publikum an. Im besten Fall entsteht daraus ein Bewohnermix, der nicht zu einer Monokultur der Lebensweise führt.
Der Typus des städtischen Reihenhauses als Wettbewerbsthema ist im Moment in der Schweiz eher selten, und schon wegen der Gegenläufigkeit zum Mainstream der grossen Geschosswohnungsbauten ist das Zelgli daher eine interessante Versuchsanlage. Kann bodennahes Wohnen in einer verträglichen Dichte gebaut werden, und bleibt neben dem Rückzug ins Private (Reihenhaus) noch Raum für urbanes Leben? Bei den heutigen Renditeforderungen stellt sich die Frage, wieviel Nähe in einer Zeilenanlage verträglich ist, ohne dass die allgegenwärtige Nachbarschaft erdrückend wirkt. Auf dem Schwarzplan erkennt man, dass die Maschenweite der Aussenräume beim Zelgli etwa gleich ist wie bei der Nachbarsiedlung, die Gebäude sind jedoch schon sichtbar tiefer, und die Eckhäuser weisen bezüglich Tiefe und Höhe generell einem anderen Massstab auf. Während der befestigte Hofraum als klarer öffentlicher Raum sehr wohl gerade aus der Nähe Potenzial schöpfen kann, indem er einen intimen, aber nicht zonierten Rahmen bietet für allerhand Aktivitäten, so wirken die grünen Zwischenräume eher eng, die private Sitzplätze und allgemein zugängliche, aber nicht mit Wegen strukturierte Flächen kombinieren. Die Ausnahme macht hier der stadtauswärts gelegene letzte Zwischenraum, der von einem Bach geteilt wird, deshalb ein bisschen breiter und durch den Graben auch topographisch gegliedert ist. Man wüsste gerne, ob an warmen Samstagen im Sommer da alle fünf Meter die Rauchschwaden aufsteigen. Nichtsdestotrotz: Die Zwischenräume, die Strasse und Mattenbachraum ineinander verzahnen, schaffen einen gelungenen Anschluss an die Umgebung . Sie bilden das Rückgrat der Siedlung, die selbstbewusst irgendwo zwischen der gutbürgerlichen Gartenstadt und der wilderen Suburbia steht.